Ein Reisebericht:Unterwegs das Leben neu entdecken: Pilgern Macht dankbar

Typisch: die Deutschen ;)
Warum nur tut man sich so eine körperliche Strapaze an und das auch noch bei Temperaturen von jenseits der 30 Grad?
Mit dieser Frage wurden wir schon konfrontiert, als wir ein paar Wochen vorher von unseren Urlaubsplänen erzählten. Auch die Menschen, denen wir auf dem Weg durch Umbrien und Latium begegnet sind, schwankten zwischen einem müden Lächeln des Unverständnis und begeisterter Bewunderung. I tedeschi - tipico! (Typisch: die Deutschen) haben viele von ihnen gesagt.
Austausch - Stille - Genuß

Wer zu Fuß unterwegs ist, entdeckt die Welt in ganz kleinen Schritten. Es sind die kleinen kurzen Momente, die am Ende des Tages unendlich viele Eindrücke ausmachen. Es sind die leisen Geräusche der Natur oder die Stille, die einen mit sich selbst konfrontieren. Für mich selbst gibt es keine bessere Methode, den Kopf frei zu bekommen. Ich kann das übliche Tagesgeschäft hinter mir lassen und habe endlich mal Ruhe über ganz Vieles nachzudenken. Den ganzen Tag habe ich die Chance, mich mit meiner Frau auszutauschen, oder einfach mit ihr die Stille oder die Geräusche der Landschaft zu genießen. Schon nach den ersten Tagen bin ich dankbar für diese gestaltete Auszeit. Und dankbar werde ich zunehmend für die kleinen Dinge des Lebens, die sonst so selbstverständlich sind, dass wir sie übersehen.

Die wunderschönen Olivenhaine in deren vorbeiziehendem Blättermeer sich das Licht in unterschiedlichem Grün bricht. Die kleinen umbrischen Dörfer, die wunderschön gelegen, so klein und still sind, dass man sie mit dem Auto nie aufsuchen würde. Die unterschiedlichen floralen Gerüche. Die italienische Nonna, die auf der Bank am Dorfbrunnen sitzt und sich freut, den beiden verrückten Deutschen einen guten Weg zu wünschen. Sichtlich stolz tut sie das mit den internationalen Worten „Buon Camino“. In meiner Fantasie hat sie diesen Gruß von ihrer Enkeltochter eingetrichtert bekommen: „Oma, die Leute mit dem Rucksack sind Pilger aus allen möglichen Ländern. Buon Camino verstehen sie alle.“ In einem Garten hört man wenige Meter danach ein kleines Kind, wie es in einer uns allen bekannten Melodie der Mama ein Geburtstagständchen singt.
Ein wunderbarer Kaffee-Duft erinnert uns daran, dass wir nach ein paar Stunden Fußweg in diesem kleinen Dorf-Café eine Frühstückspause einlegen könnten.
Je heißer der Tag wird, umso größer ist meine Freude an den kühlenden Bächen der umbrischen Berge und den dicken Steineichen, die uns auf manschen Strecken Sonnenschutz leisten. Wenn es auf das Ziel einer Tagesetappe zugeht, ist die Aussicht auf eine schöne Dusche und ein gutes Bett fast der Himmel auf Erden.

Es ist eine Erkenntnis aller Pilger: Es braucht nicht viel, dass wir Menschen glücklich sind. Zweifellos ist das Allerwichtigste: die Gesundheit. Auch das spürt man ja selten so unvermittelt, wie beim Pilgern: Ein paar Blasen an den Füßen, Schmerzen in den Gelenken, einmal auf schroffen Wegen umgeknickt oder von vorbeifahrenden Autos erfasst … von einer Sekunde auf die andere kann das Pilgern vorbei sein.

Unendlich dankbar für die gemeinsame Strecke, die vielen Eindrücke auf den Spuren des Heiligen Franziskus und die netten Begegnungen mit den Einheimischen, haben Christiane und ich Rom, unser Ziel erreicht. Es ist ein Gefühl wie sonst im Leben, wenn man etwas Wichtiges geschafft hat.
Dankbar bin ich auch dafür, dass wir nie allein unterwegs waren. In unseren Worten und Gedanken war Christus immer mit uns zweien unterwegs. Bei Sonnenaufgang die nächste Tagesetappe anzugehen und dabei in der Laudes, dem kirchlichen Morgengebet, Christus das Licht der Welt zu besingen - wie kann ein Tag besser beginnen?
Ein jeder von uns ist ein Pilger durch die Zeit. Ob ich dabei glücklich durch das Leben gehe, das hängt gar nicht so sehr davon ab, was ich erlebe oder welche günstigen Zufälle zusammenkommen. Entscheidend ist, welche Bedeutung ich mir und meinem Leben einräume und welche Einstellung ich der Zeit zumesse, die ich aus Gottes Händen hier empfangen darf. Dankbare Menschen sind glückliche Menschen.