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Klagelieder

Am 1. November feiern wir das Fest Allerheiligen. Den Toten wird gedacht, auf dem Friedhof werden die Gräber gesegnet.
Von:
Inés Frege
Bild von Ines Frege

Das Grab meines geliebten Mannes ist dieses Jahr auch dabei.

Das Trauerjahr ist nun vorüber, aber meine Trauer nicht.

Obwohl ich Trauer-Spezialistin bin (ich darf als Ehrenamtliche Beerdigungen durchführen, habe meine Einsätze in der Notfallseelsorge und begleite Menschen in ihrer Trauer) muss auch ich den Weg gehen, den jeder Mensch geht, der einen Angehörigen und geliebten Menschenverloren hat.

Auch für mich gibt es keine Abkürzungen. Und auch wenn der brennende Schmerz etwas nachgelassen hat, die Trauer und das „Verlassen sein“, spüre ich heute mehr als vor sechs Monaten.

Und so singe ich meinem Gott das Klagelied. Und nur Gott sieht meine geweinten und ungeweinten Tränen.

Mir geht es gut und ich stehe mitten im Leben, aber mein Mann fehlt mir. Trotz der besonderen Lebensumstände vermisse ich ihn und umso länger er verstorben ist, umso mehr hätte ich ihm noch sagen wollen.  

Gott ist beständig. Er ist der „immer da“ und jeden Tag neu schenkt er mir die Kraft, die ich brauche. (Klagelieder 3, 21-24)

Auch Jeremia singt seine Klagelieder. Während ich mein Leben weiterhin zukunftsorientiert gestallte und „vernünftig“ mit dem Tod meines Mannes umgehe, macht Jeremia mir Mut meinen Schmerz ungeschönt vor Gott zu bringen. Ich darf klagen, fragen, manchmal schreien, weinen und wie Jeremia erfahre ich, dass im größten Schmerz, in der Akzeptanz des „Dunklen“ Gottes Licht mich berührt.

Wir alle erleben Trauer unterschiedlich und doch ist es uns allen gemeinsam, dass die Trauer in Zyklen verläuft. Es gibt Möglichkeiten der Begleitung z.B. durch das Hospiz oder durch Trauerbegleiter*innen, geistliche Begleiter*innen oder Geistliche.

 

Und doch gibt es wenig Orte, wo die Trauer ihren Raum haben darf.

Das Leben fließt weiter und ich fließe mit. Das ist gut so. Und doch hat sich mein Leben komplett verändert. Mein Lebensmittelpunkt und Taktgeber existiert nicht mehr.

Was ist mit den Lebenden?

Wenn wir im November der Toten gedenken, dann frag ich mich, was mit uns Lebenden ist. Ich hoffe und glaube, dass mein Mann Frieden bei Gott gefunden hat.

Aber was ist mit mir? Ich war Geliebte und bin es jetzt nicht mehr. Ich war die Frau an seiner Seite, die nun leer ist und nur langsam füllen sich diese Leerstellen.

Warum ich dieses Klagelied singe?

Weil ich auf die Lebenden verweisen möchte. Darauf, dass Gott uns sieht. Wir sollten nicht nur der Toten gedenken, sondern auch deren Angehörige.

So gibt es am 2. November einen Gottesdienst zu Allerseelen und am 18. November einen Gedenkgottesdienst für die Verstorbenen der letzten sechs Monate.

Trostweihnacht

Im Dezember, in den Tagen, wo sich alle „Frohe und gesegnete Weihnachten“ wünschen und viele fröhlich sind, wo Familien zusammenkommen, wird die Leere und die Lücke noch einmal spürbar.

Als Familie haben mein Mann, mein Sohn und ich diese schon lange gespürt und deshalb 2018 das erste Mal eine Trostweihnacht oder eine Weihnachtsfeier für Traurige und Trauernde angeboten.

Mein Sohn und ich führen diese Tradition auch in diesem Jahr weiter.

Somit wollen wir am 27.12.2026 um 16:00 Uhr in der Kirche St. Maria am Brunnen eine Trost-Weihnacht anbieten. Es ist ein Gottesdienst, bei dem wir gemeinsam beginnen, der einen Mittelteil mit Stationen hat und einen dritten Teil, wo wir gemeinsam den Gottesdienst beschließen.

Wir haben bisher immer die Weihnachtsgeschichte gelesen und auch von der frohen Botschaft gesprochen. 
Gott hört nicht nur unser Klagen, sondern schenkt uns auch seinen Frieden - und so soll dieser Gottesdienst für alle ein Trost sein.

So wie ich ein Recht auf meine Trauer habe, so habe ich auch Recht auf mein Leben.

Gottesbildkarten, Digitale Optionen, Methodenbox

Und so singe ich meinem Gott, mein Klagelied. Ich bringe vor ihn meinen Schmerz und meine Trauer und Gott schenkt mir seinen Frieden.