Aus dem Nähkästchen einer Lektorin

12.09.20 12:00

Zwei Lesungen, zwei Gottesmänner und zwei starke Frauen

Zunächst einmal möchte ich Ihnen, liebe Leser/innen, die beim letzten Mal bewusst „unterschlagene“ Quellenangabe zur zweiten Lesung nachliefern. Es handelt sich um einen ebenfalls stark gekürzten Text aus dem zweiten Buch der Könige: 2 Könige 4, 8-11; 14-16a. 

Erzählt wird von Elischa, der auf seinen Reisen immer wieder einmal in Schunem  an dem Haus eines Ehepaars vorbeikommt. Die Frau hat ihm einst angeboten, bei ihr zu essen, und er macht von dem freundlichen Angebot gern Gebrauch, wenn er in der Gegend ist. Eines Tages schlägt die Frau ihrem Mann vor, dem „heilige[n] Gottesmann“ (V. 9) in ihrem Haus ein Obergemach mit Bett, Tisch, Stuhl und Leuchter herzurichten, damit er sich zurückziehen kann. Für diese Großzügigkeit möchte Elischa sich bedanken und fragt seinen mit ihm reisenden Diener, womit man der Frau ihre Mühe entlohnen könne. Die Antwort des Dieners lautet: „Nun, sie hat keinen Sohn, und ihr Mann ist alt“ (V. 14). Die Frau wird hereingerufen, bleibt allerdings „in der Tür stehen“ (V. 15) und hört von Elischa die Worte: „Im nächsten Jahr um diese Zeit wirst du einen Sohn liebkosen“ (V. 16a).

Allein die Tatsache, dass die Kürzung der sehr viel längeren Bibelstelle mit dem ersten Teil eines zusammengehörenden Doppel–Verses endet, lässt Sie wahrscheinlich vermuten, dass auch zu diesem Lesungstext  noch einige Informationen ergänzt werden müssen?

Ja, auch in diesem Fall erfüllt sich das, was der Gottesmann prophezeit: Die Frau wird schwanger und bringt ihr Kind zur Welt, ebenfalls einen Jungen. Das Kind wird krank, sitzt noch eine Weile auf den Knien der Mutter und stirbt. Offensichtlich ist ihr Sohn noch recht jung, sein Alter wird aber nicht genannt. Von den Emotionen der Mutter erfährt man zunächst nichts, dafür umso mehr von ihrem energischen, zielgerichteten und mutigen Handeln. „Ich will zum Gottesmann eilen und komme bald zurück“ (V.22), teilt sie ihrem Mann mit. Bei Elischa angekommen, spürt dieser sofort, dass „ihre Seele betrübt ist“ (V. 27). Mit zwei rhetorischen Fragen bringt die Mutter Elischa zum Handeln: „Habe ich denn meinen Herrn um einen Sohn gebeten? Habe ich nicht gesagt: Mach mir keine falschen Hoffnungen?“ (V. 28). Diese zweite rhetorische Frage bezieht sich auf Vers 16b, der der Kürzung zum Opfer gefallen ist. – Elischa schickt zunächst seinen Diener zu dem verstorbenen Kind. Aber die Mutter weiß genau, was sie will, bleibt energisch und sagt unmissverständlich: „So wahr der Herr lebt, und so wahr du lebst: Ich lasse nicht von dir ab“ (V. 30).

Heute würde man diese Mutter neudeutsch wohl als eine „toughe Frau“ bezeichnen, die einem Gottesmann, vor dem man Respekt haben sollte, „ganz schön die Leviten liest“. Das ist vielleicht nicht die wirklich vornehme Art, aber durchaus wirksam. Denn unmittelbar nach diesen mehr als deutlichen Worten der Mutter können wir lesen: „Da stand er auf und folgte ihr“ (V. 30). Der Diener hat den Jungen nicht ins Leben zurückholen können, aber  Elischa gelingt das Wunder.

Das Kapitel endet mit folgenden Worten: „Nimm deinen Sohn! Sie trat hinzu, fiel Elischa zu Füßen und verneigte sich bis zur Erde. Dann nahm sie ihren Sohn und ging hinaus“ (Vers 36b und 37). 

Zwei Lesungen, zwei Gottesmänner, zwei starke Frauen: Zu den Lesungen habe ich genug gesagt, und wende mich jetzt den beiden Gottesmännern zu.

Eli behandelt die in tiefe Traurigkeit versunkene Hanna verständnisvoll, einfühlsam, erfährt ihren Herzenswunsch und sagt einfach: „Geh in Frieden! Der Gott Israels wird dir deine Bitte erfüllen, die du an ihn gerichtet hast.“ Diese geradezu liebevoll–empathische Art passt zu einem Menschen, der „Gottesmann“ genannt wird.

Elischa verfolgt ohne jeden Zweifel auch eine gute Absicht: Er möchte einer kinderlosen Frau kraft seiner ganz besonderen Beziehung zu Gott zu einem Kind verhelfen. Aber er fragt die Frau überhaupt nicht, sondern entscheidet im Alleingang über deren Kopf, deren Willen hinweg. Elischa fragt seinen Diener, wie man der Frau für ihre Mühe danken könne. Stattdessen hätte er die Frau selbst fragen müssen, ob sie sich überhaupt ein Kind wünscht. Empathisch ist sein Verhalten nicht. Selbst von Gott verliehene Macht und Autorität dürfen sich niemals verselbständigen. Doch bekanntlich lernt man ja aus Fehlern; sicherlich ist das beim Propheten Elischa auch so gewesen. Vielleicht lernen ja sogar „unsere Kirchenmänner“, die schon gar nicht mehr „Gottesmänner“ genannt werden, noch hinzu!? Ich meine unsere Bischöfe, die uns – wie Elischa – auch nicht fragen, was wir denn wollen.

Zwei starke Frauen: Dass man die Frau stark nennen muss, von der man keinen Namen erfährt, sondern die im Bibeltext ein- oder zweimal als „eine vornehme Frau“ (2 Kön 4,8) bezeichnet wird, liegt eigentlich auf der Hand. Ich erinnere nur an die beiden rhetorischen Fragen und die fast schon wie eine Art Drohung klingende Aussage „So wahr der Herr lebt, […]: Ich lasse nicht von dir ab“ (s.o.). Sie hat zwar nicht um ein Kind gebeten, das über ihren Kopf hinweg vom Gottesmann Elischa beim Herrn erbetene Kind aber trotzdem lieb gewonnen – und für sein Leben gekämpft, wie eine Mutter für ihr Kind nur kämpfen kann.

Und Hanna? Auf den ersten Blick mag sie vielleicht eher „schwach“ in ihrer Traurigkeit erscheinen. Bei näherem Hinschauen ist Hanna – auf ihre ganz persönliche, liebenswerte Art – ebenso stark wie die „vornehme Frau“. Allein die Tatsache, dass sie Gott um ein Kind bittet, obwohl man damals die Unfruchtbarkeit einer Frau offensichtlich als von Gott „gegeben“ angenommen hat, zeigt für mich Stärke. Und dass sie das Kind, das sie mit Schmerzen zur Welt gebracht hat, bei dem sie bestimmt etliche Nächte durchwacht haben wird, nach dem Abstillen in den Tempel bringt, um es „für sein ganzes Leben dem Herrn [zu] überlassen“, zeugt meiner Meinung nach nicht nur von Stärke, sondern vor allem von wahrer innerer Größe. Ich bewundere Hanna.

Katholischer Kirchengemeindeverband Hürth

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